16.09.2020

Südsudan: World Vision und Save the Children schlagen Alarm

Die humanitäre Lage im Land verschlechtert sich zusehends.

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Wien, 16. September 2020 – Der UN-Sicherheitsrat trifft sich heute, um den Fortschritt des Friedens im Südsudan zu erörtern. Das Friedensabkommen wurde vor über zwei Jahren im September 2018 unterzeichnet. Obwohl einige bewaffnete Gruppen dem Abkommen zugestimmt haben und eine Übergangsregierung gebildet wurde, ist eine Zunahme der Gewalt zwischen den Gemeinden zu beobachten. Kinder und ihre Familien werden durch die zunehmende Ernährungsunsicherheit und den Verlust ihrer Lebensgrundlagen immer tiefer in eine lebensbedrohliche humanitäre Krise gedrängt.

Die Lage im Südsudan ist nach wie vor eine der komplexesten Krisen der Welt. Über 7,1 Millionen Menschen, darunter 4,1 Millionen Kinder, benötigen nach wie vor dringend lebensrettende humanitäre Hilfe. Eine Zahl, die sich in den zwei Jahren seit dem politischen Commitment zu Frieden nicht wesentlich verändert hat. Stattdessen verschlechtert sich die Situation immer mehr:

  • Die Zahl der interkommunalen Konfliktzwischenfälle zwischen dem 1. Januar und dem 31. Juli 2020 übersteigt die in den Jahren 2013-2016 und 2018-2019 verzeichneten jährlichen Gesamtzahlen und ist auf dem besten Weg, die im Jahr 2017 verzeichneten jährlichen Gesamtzahlen zu erreichen oder zu übertreffen.
  • Allein in Jonglei wurden durch die jüngsten Zusammenstöße 160.000 Menschen neu vertrieben. Die UNO schätzt, dass mindestens 600 Menschen getötet wurden, räumt aber auch ein, dass die Zahl wahrscheinlich noch höher ist. Landesweit berichtete UNMISS von mehr getöteten und verletzten Zivilisten in den letzten drei Monaten als zu Beginn des Jahres.
  • Das Ausmaß der akuten Ernährungsunsicherheit ist das höchste seit 2014. Fünfundzwanzig von Konflikten und Überschwemmungen betroffene Bezirke sind bereits auf Stufe 4 des Notfall-Niveaus der Ernährungsunsicherheit (IPC4). FEWNEST warnt vor einer Hungersnot (IPC5), wenn die humanitäre Nahrungsmittelhilfe die von Konflikten betroffenen Gemeinschaften in den kommenden Monaten nicht erreichen kann.
  • Die Überschwemmungen haben bis September über 600.000 Menschen  vertrieben. Zwei Jahre mit Überschwemmungen ohne ausreichende Hilfen haben mehr als 11.000 Tonnen Getreide und 1,4 Millionen Tiere vernichtet und den Menschen Nahrung und Lebensgrundlage genommen. (1)
  • Der Wechselkurs erreichte ein Rekordhoch von 400 SSP für 1 USD auf dem Parallelmarkt, da der südsudanesischen Zentralbank die Devisenreserven ausgingen. Dies hat die lokalen Versorgungsketten lahmgelegt, Menschen können kaum die Grundbedürfnisse decken.

Kinder sind von der sich verschlechternden Situation im Südsudan unverhältnismäßig stark betroffen. Über 100 Kinder waren in den letzten drei Monaten direkte Opfer interkommunaler Gewalt. Sie tragen auch die Hauptlast der indirekten Kosten, da sie keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung oder Nahrung haben. 350.000 Kinder unter fünf Jahren leiden an schwerer und akuter Unterernährung.

Familienzusammenführungen erschwert
Die UNO berichtet über eine Zunahme von Kindesentführungen, bei denen die interkommunale Gewalt eskaliert ist, während gleichzeitig die Präventionsmaßnahmen von COVID-19 die Kinderschutzmöglichkeiten stark eingeschränkt haben. Die Suche nach Familienangehörigen und die Familienzusammenführung wurden erheblich beeinträchtigt – nur 5 Kinder konnten wieder mit ihrer Familie vereint werden. Die Umlenkung von Finanzmitteln von Kinderschutzprogrammen auf die Maßnahmen von COVID-19 führte zum Ende der umfassenden Reintegrations- und psychosozialen Unterstützungsdienste für über 750 Mädchen und Jungen, die früher von bewaffneten Gruppen als Kindersoldaten eingesetzt wurden.

Negative Auswirkungen von COVID-19 
COVID-19 hatte weitreichende und zusätzliche negative Auswirkungen auf die Rechte von Kindern, insbesondere von Mädchen. Der Südsudan befindet sich in einem kontinuierlichen Planungsprozess zur Wiedereröffnung von Schulen. Das Programm für den Fernunterricht hat begonnen, ist aber für die Mehrheit der Kinder aufgrund von Sprachbarrieren oder aufgrund fehlender Netzabdeckung, Sonnenenergie, Radio oder Mobiltelefone nicht zugänglich. Lokalen Berichte zufolge kam es seit der Schließung der Schulen zu einer Zunahme von Mädchen, die schwanger werden und früh heiraten, ohne die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren.

Humanitäre Helfer gefährdet
Angesichts der vierfachen Bedrohung durch Konflikte, Hunger, Überschwemmungen und COVID-19 war humanitäre Hilfe noch nie so dringend, um Leben zu retten wie heute. Das ist aber aufgrund der sich verschlechternde Sicherheitslage immer schwieriger. Die Zugangsbeschränkungen sind zwischen April und Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 22% gestiegen. Erst am 13. Juli wurden zwei Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die im Gesundheitswesen tätig waren, getötet, womit sich die Gesamtzahl der seit Beginn des Konflikts 2013 im Südsudan getöteten humanitären Helfer auf 122 erhöhte. Allein die Kämpfe in Jonglei führten zur Umsiedlung von 144 humanitären Helfern, und es wurden 20 Plünderungen verzeichnet, verglichen mit nur einem Vorfall im Jahr 2019.

Auf dem Weg zur politischen Aussöhnung im Südsudan wurden einige Fortschritte erzielt. Frieden ist jedoch für die Menschen im Land nicht spürbar. Stattdessen lässt die sich verschlechternde humanitäre Lage die südsudanesischen Kinder und ihre Familien verzweifeln. Die internationale Gemeinschaft muss dringend handeln:

  • Der UN-Sicherheitsrat sollte sicherstellen, dass der humanitären Lage im Südsudan Priorität eingeräumt wird. Es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um die Gewalt zu verringern und die humanitäre Hilfe zu erleichtern. Der UN-Sicherheitsrat muss auch dem UNMISS-Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung Priorität einräumen und angemessene Mittel dafür bereitstellen;
  • Die Geber sollten den Humanitären Hilfsplan für den Südsudan, der derzeit nur zu 32 % finanziert wird, vollständig finanzieren, wobei dem Schutz für Kinder Vorrang eingeräumt werden sollte;
  • Geber und Partner müssen dringend gegen die Ernährungsunsicherheit vorgehen – und zwar nicht nur durch die Bereitstellung von Nahrungsmittelhilfe für die Bedürftigsten, sondern auch durch die Skalierung von Strategien und Investitionen in die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion, in die Wiederherstellung und den Schutz des Viehbestands sowie in die Straßeninfrastruktur zur Versorgung der Märkte;
  • Geber, internationale Finanzinstitutionen und Partner sollten dringend mehrjährige, flexible Entwicklungshilfe im Einklang mit dem Grand-Bargain zusagen, um chronische Lücken in der Infrastruktur, den Systemen und Dienstleistungen zu schließen, die für die Bereitstellung von Grundversorgungsleistungen erforderlich sind;
  • Die UNO, die Geber und die Partner müssen Maßnahmen ergreifen, die effektiver mit den Regierungsstrukturen des Südsudans zusammenarbeiten, um makroökonomische Herausforderungen anzugehen, eine verantwortungsvolle Regierungsführung zu stärken, die die Einbeziehung von Frauen gewährleistet, und den Polizei- und Justizsektor bei der Schaffung von Rechtsstaatlichkeit, insbesondere außerhalb der Hauptstadt, zu unterstützen. Gleichzeitig muss der Druck auf die politischen Führer erhöht werden, um sie zu mehr Rechenschaftspflicht zu drängen. Gewalt muss eingedämmt und das Völkerrecht respektiert werden. Der Zugang für humanitäre Hilfe muss erleichtert und Korruption verringert werden. Zudem müssen Strategien verabschiedet werden, die den Wiederaufbau und die Entwicklung fördern.

INTERVIEWMÖGLICHKEIT:
KollegInnen aus dem Südsudan stehen für Interviews auf Englisch zur Verfügung. Wir vermitteln gerne unter tanja.zach@wveu.org oder 0664-833 94 11.

(1) Note by the UN Secretariat to Members of the Security Council. Delivered 4 September 2020.

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